Der Gralsmythos als prägende Idee für Ludwigs Märchenschloss

Schloss Neuschwanstein - Gralswunder aus der Lohengrin-Sage
Die Sagenwelt um den heiligen Gral bilden die tragende Idee für Schloss Neuschwanstein.

Als König Ludwig II. von Bayern seinem Freund Richard Wagner 1868 schriftlich mitteilte, dass er die Burgruine von Hohenschwangau als echte Ritterburg neu erbauen lassen will, muss seine Idee von Neuschwanstein im Zeichen des heiligen Grals schon gereift sein. Der König war fasziniert von den alten Geschichten um Parzival, Lohengrin und anderen Sagengestalten, die ihn ein ganzes Leben lang bewegten. Das Theater war für ihn kein bloßer Ort für Zerstreuung, es war für ihn der Ort, an dem eben jene Geschichten lebendig erstanden. Auf seinen seltenen Reisen begab er sich auch auf die Spur seiner Helden. Und alles, was von Wagner kam, liebte er abgöttisch, Wagner inbegriffen. Die Neue Burg Hohenschwangau – Schloss Neuschwanstein – wurde zum Manifest dieser jener Lebensreise Ludwigs II. durch die mittelalterliche Zeit.

Mittelalterliche Sagenwelten – Das Bildprogramm Neuschwansteins

Wie ein überdimensionales Bilderbuch erscheinen die Räume von Neuschwanstein. Lebendig werden in ihnen die alten Heldensagen und das Lben am mittelalterlichen Hofe erzählt. Allen voran der Sängersaal: In den Bilder von Spieß, Piloty und Munsch ist Eschenbachs Epos Parzival, die Suche nach dem heiligen Gral, schaubar geworden. Im Wohnzimmer zeigen zehn Bilder Hauschilds Szenen aus der Sage des Schwanenritters Lohengrin. Das Arbeitszimmer steht in acht Hauschild-Gemälden im Zeichen des Tannhäusers, im Speisezimmer findet man Pilotys Bilder vom Hofleben des Landgrafen Hermann von Thüringen und vom Sängerkrieg auf der Wartburg. Das Schlafzimmer wiederum hat August Spieß nach Motiven aus Tristan und Isolde, eine der schönsten mittelalterlichen Liebesgeschichten, ausgestaltet.

Auch das übrige Bildprogramm setzt sich mit der Sagenwelt und dem ritterlichen Leben auseinander. So findet man in der Halle zur königlichen Wohnung auf sieben Gemälden Aigners Motive aus der Sigurd-Sage. Die Halle vor dem Sängersaal findet diese Geschichte durch Motive aus dem Gudrun-Stoff ihren Anschluss. Auch die mittelalterlichen Sänger wurden bedacht, finden sich Bildnisse von ihnen in den Räumen. Und das Ankleidezimmer ist ganz beseelt von der Geschichte von Walter von der Vogelweide. Dessen ungeachtet sind auch die übrigen Wandmalerei, die Schnitzereien und Vertäfelungen, die Möbel, Schmiedekunst und mehr von Sagen, Rittern und Symbolen beseelt – allen voran das Symbol des Schwans.

In der Siguradsage die Strafe für die Habgier der Menschen; in der Tannhäusersage der Hang zum Genuß des heidischen Liebeslebens, den die Kirche nicht vergeben kann; in der Lohengrinsage die tragik des Zweifels, der den vom heiligen Gral gesandten Erlöser zur Rückkehr zwingt; in Tristan und Isolde der Zauberrausch der ritterlichen Liebe; im Sängerkrieg die dunklen Lebensrätsel; in der Gudrunsage die dämonische Rache; endlich in der Parzivalsage das Durchkämpfen durch Irrtum und Zweifel bis zur Genossenschaft des heiligen Grals, der geheimnisvollen Schutzmacht der Schale mit dem Blute des Erlösers, deren gläubiges Anschauen das wahre Glück verleiht, dem Tode seine Macht nimmt und die Erlösung durch die aufopfernde Liebe Christi zusichert.

Philosophische Gedanken von F. P. Zauner