Die Staatskommission rückt nach Neuschwanstein aus und blamiert sich gewaltig

Im Torbau von Schloss Neuschwanstein wurde die Staatskommission von König Ludwig II. inhaftiert. Die Kommission sollte dem König ursprünglich die Entmündigung mitteilen und ihn zu seinem Pflegeort begleiten. – Foto: © Zairon / wikimedia
Im Torbau von Schloss Neuschwanstein wurde die Staatskommission von König Ludwig II. inhaftiert. Die Kommission sollte dem König ursprünglich die Entmündigung mitteilen und ihn zu seinem Pflegeort begleiten. – Foto: © Zairon / wikimedia

Mit einem persönlichen Schreiben von Prinz Luitpold an den König und mit entsprechenden Vollmachten ausgestattet rückt eine Staatskommission nach Hohenschwangau aus, um König Ludwig II. seine Regierungsunfähigkeit zu erklären und die Einsetzung der Regentschaft Luitpolds mitzuteilen. Doch das Auftreten der Kommission ist ungeschickt. Hatte man tatsächlich einen Geistesgestörten erwartet? Hatten man die Aufgabe unterschätzt? Hatte man gedacht, der König würde sie mit offenen Armen empfangen? Ludwig II. wehrte die Eindringlinge ab und ließ sie inhaftieren. Ein peinlicher Auftritt der Staatskommission, die man spöttisch als “Fangkommission” bezeichnete.

Die Staatskommission begibt sich auf den Weg nach Schwangau

Nach der Ausstellung des Gutachtens über den Geisteszustand von König Ludwig II. am 8. Juni 1886 geht es schnell: Am darauffolgenden Tag wird die Entmündigung juristisch vollzogen und Vormünder bestellt. Bestimmt wurden hierzu Graf Clemens Maria zu Törring-Jettenbach und der Oberstallmeister Graf Max von Holnstein. Letzterer, einstmals als “graune Eminenz” hinter dem König bezeichnet, der einen großen Einfluss auf Ludwig II. besaß und unter anderem die Sache mit dem Kaiserbrief gedreht hatte, fiel aber 1883 bei Ludwig in Ungnade, als dieser sich weigerte, weitere Finanzquellen für die Bausucht des Königs ausfindig zu machen. Eine ungeschickte Wahl, denn der König musste dies als Beleidigung ansehen.

Am Nachmittag des 9. Juni 1886 begab sich die Staatskommission auf den Weg nach Hohenschwangau, wo man im alten Schloss die Nacht verbrachte. Der König weilte in Schloss Neuschwanstein, damals das Neue Schloss Hohenschwangau. Zur Kommission gehören Staatsminister Freiherr von Crailsheim, die beiden als Vormünder bestellten Graf von Holstein und Graf zu Törring-Jettenbach, Professor von Gudden und dessen Assistent Dr. Franz Carl Müller, der Geheime Legationsrat Rumpler, der als Protokollführer eingesetzt wurde, und der Oberstleutnant Freiherr von Washington, der künftig den König als Hofkavalier begleiten sollte. Hinzu kommen zwei Krankenpfleger. Nach dem Eintreffen der Kommission im Schloss Hohenschwangau kommt es zu einem ausgedehnten Souper, bei dem einzelne Kommissionsmitglieder erstmals vom Anlass der Mission erfahren und das Vorgehen beim König diskutiert wird. Warum man nach einem scheinbar Wahnsinnigen, der nicht mehr zwischen Schein und Sein zu unterscheiden mag, eine Staatskommission schickt, um diesem dessen Entmündigung und die Einsetzung der Regentschaft kund zu tun, bleibt logisch nicht nachvollziehbar. Warum man diesen Akt aber nur unzureichend vorbereitet hatte, ist schlichtweg Schlamperei.

Erst hier beim Souper wurde ich aus den daselbst geführten Verhandlungen der hohen Staatsbeamten mit meinem Chef aufgeklärt, wie die Mitteilung, daß der König krank sei, dem Kranken selbst gegenüber vor sich gehen sollte. Gudden stellte sich dies folgendermaßen vor: Zuerst würde die Staats- und Hofbeamten vor den König hintreten und ihm die Erklärung von der durch seine Erkrankung bedingten Übernahme der Regentschaft durch Prinz Luitpold vorlesen: dann trete Gudden mit mir und den Pflegern ein und teile dem Könige mit, daß die ärztliche Behandlung nun ihren Anfang nähme; Majestät würden gebeten, in den bereitstehenden Wagen einzusteigen und mit nach dem Linderhof zu fahren, welcher als vorläufiger Aufenthaltsort ausersehen sei.

Dr. Franz Carl Müller über das Souper der Kommission