Die Wartburg Eisenach – verbindliches Vorbild für Schloss Neuschwanstein

Die Wartburg in Eisenach, 2004 - Bild: Thomas Doerfer / wikicommons
Für die Entwürfe von Schloss Neuschwanstein in seinen entgültigen Dimensionen war die Wartburg in Eisenach maßgebliches Vorbild. Bild: Thomas Doerfer / wikicommons

Die Wartburg in Eisenach ist ein bedeutendes Wahrzeichen mittelalterlicher Hofkultur in Deutschland. Als einstiges Zentrum altdeutscher Dichtkunst, als Kulisse für den von Richard Wagner im Tannhäuser verherrlichten sagenhaften Sängerstreit und als geschichtsträchtiger Ort war die Wartburg für König Ludwig II. von Bayern besonderes Magnet. Die Wartburg bot dem Märchenkönig entscheidende Impulse für den Bau von Schloss Neuschwanstein.

Die Wartburg als Warzeichen mittelalterlicher Hofkultur

Wie kaum ein anderer Ort, ist die Wartburg mit der Geschichte Deutschland verbunden. Sie thront über der Stadt Eisenach und wurde 1067 von Ludwig dem Springer gegründet. Seit 1999 gehört sie zum Weltkulturerbe. 1211 bis 1227 lebte Elisabeth von Thüringen auf der Burg. Elisabeth ist ein Sinnbild tätiger Nächstenliebe und wird seit 1235 als Heilige verehrt. In den Jahren 1521/22 hielt sich der Reformator Martin Luther inkognito als „Junker Jörg“ auf der Wartburg versteckt. Diese Zeit nutze er, um das Neue Testament der Bibel ins Deutsche zu übersetzen. Die Wartburg ist die bekannteste Burg des Adelsgeschlechtes der Ludowinger. Und sie ist Schauplatz des sagenumwobenen Sängerkrieges, den Richard Wagner in seinem Tannhäuser verherrlichte.

König Ludwig II. unternimmt eine Studienreise zur Wartburg

Dieser sagenumwobene und geschichtsträchtige Ort war für den König Ludwig II. von Bayern ein besonderer Anziehungspunkt. Ende Mai 1867 begab sich der reisescheue “Märchenkönig” gemeinsam mit seinem Bruder Otto auf den Weg zur Wartburg. Die 1838 begonnenen Wiederaufbauarbeiten an der Burg durch das Haus Sachsen-Weimar wurden kurz zuvor abgeschlossen. Nachdem Ludwig vom Burghauptmann begrüßt wurde, bat Ludwig darum, die Räume allein besichtigen zu können. Er wollten einen unkommentierten und unmittelbaren Eindruck von den Räumen einfangen. Es war der originale Ort des Tannhäusers, ein Stoff, der ihn besonders fesselte. Noch im selben Jahr plante er die Inszenierung der Wagnerschen Oper. Und der detailversessene König liebte den historisch verbürgten Touch von Kulissen und Kostümen.

Der Sängersaal in der Wartburg und der benachbarten Räume haben ihn schwer eingenommen. Er hielt sich längere Zeit in diesen Räumen auf. Doch noch größeren Eindruck machte der Festsaal mit seiner Größe und kunstvollen Ausstattung auf Ludwig. Dieser Eindruck blieb so massiv, dass er den Festsaal von Neuschwanstein nach diesem Vorbild erschaffen lies. Festsaal, Sängersaal, Rittersaal, Kemenate und Kapelle der mittelalterlichen Burg boten Raum für ein umfassendes ritterliches Hofleben. Für eine Ritterburg hatte die Wartburg ungewohnte Dimensionen. Und der Besuch auf der Wartburg bot dem bayerischen König die entscheidenden Impulse, seine neue Burg auch als Burg des Tannhäusers zu entwerfen.

Wartburg wird verbindliches Vorbild für Neuschwanstein

Bei der Planung von Schloss Neuschwanstein wird die Wartburg im Mai 1868 als verbindliches Vorbild ins Spiel gebracht. Seinen Architekten Eduard Riedel und den Theatermaler Christian Jank, die Ludwig mit den Entwürfen für seine Burg beauftragt hatte, schickt er auf einen Studienreise zur Wartburg. Hier sollen sie Zeichnungen der Burg und der Einrichtung anfertigen. Auch Anton Seder und der Kölner Maler Michael Welters, der einen Teil der Wandmalerei in der Wartburg geschaffen hatte, lieferten König Ludwig II. Zeichnungen und Vorlagenmappen von der Wartburg. Nach ihrer Studienreise fertigten Riedel und Jank neue Entwürfe von neuschwanstein an. Diese waren nun in den entgültigen Ausmaßen des Schlosses ausgearbeitet. Nach dem Vorbild der Wartburg wurde auch eine tiefer gelegene Hofanlage hinzugefügt und die Burg als eine langgestreckte Höhenburg entworfen.