Ein Gutachten besiegelt das Ende von Ludwig II.

Obermedizinalrat Dr. Bernhard von Gudden: In dem von ihm angefertigte Gutachten wird König Ludwig II. von Bayern für geisteskrank und regierungsunfähig erklärt – Fotografie: Franz Hanfstaengl
Obermedizinalrat Dr. Bernhard von Gudden: In dem von ihm angefertigte Gutachten wird König Ludwig II. von Bayern für geisteskrank und regierungsunfähig erklärt – Fotografie: Franz Hanfstaengl

Nachdem die bayerischen Minister unter Führung von Ministerratsvorsitzenden von Lutz einen Regentschaftplan geschmiedet, Luitpold einstimmt und man sich Ende Mai 1886 mit Reichskanzler von Bismarck auseinandergesetzt hatte, begann der Ministerrat Material zu sammeln für ein Gutachten, dessen Ergebnis schon vorher festzustehen schien. Das Gutachten besiegelt das Ende der Regentschaft von König Ludwig II. von Bayern und ist ein gewaltiges Fehlurteil über den Gesundheitszustand des Herrschers.

Einseitige Materialsammlung für das Gutachten

Man sammelt Briefe und schriftliche Anweisungen des Königs und befragt Personen aus seinem Umfeld. Da sich Ludwig II. von Hof, Staat und Volk derart abgesondert hatte und zum Schluss sogar Lakaien und einen Friseur als Schreiber, Mittler und Boten beauftragte, war man auf das Zeugnis von Hofsekretären und Bediensteten untergeordneten Ranges angewiesen. Die treuesten unter ihnen weigerten sich, Aussagen über und gegen den König zu treffen. Auffällig war, dass man ausschließlich belastendes Beweismaterial und belastende Aussagen dokumentierte. Zahlreiche Beweise für seine Geisteskrankheit, keiner dagegen. Obwohl sich der Kabinettssekretär Schneider bereits auf eine Befragung vorbereitet und etwa 300 Befehle des Königs aus den vergangenen Jahren zusammengetragen hatte, sah von von dessen Befragung ab. Ludwigs Biograf Gottfried von Böhm bestätigte später, “keiner von ihnen trug Spuren von geistiger Störung”. An kompetente Stellen ergingen niemals Befehle der beanstandeten Art. Lediglich die Anweisungen an sein Dienstpersonal waren kurios. Aber waren sie auch ernst zu nehmen?

Als ausreichend Material gesammelt wurde, berief man schließlich am 8. Juni 1886 den anerkannten Professor für Psychiatrie Bernhard von Gudden, den Psychiater Dr. Hubert von Grashey (Schwiegersohn von von Gudden) sowie die Anstaltsdirektoren Dr. Friedrich Wilhelm Hagen und Dr. Max Hubrich nach München, beauftragt mit dem Gutachten.

Gutachten in Windeseile erstellt

Auf Basis des vorlegten Aktenmaterials und ohne persönliche Untersuchung des Königs hatte Professor von Gudden tags zuvor bereits ein Gutachten entworfen, er arbeitete die ganze Nacht durch und schlief nur zwei Stunden, das er am 8. Juni den anderen Gutachtern samt dem Belastungsmaterial vorlegte. Hierin wird auch die Veranlagungen in der Familie, die Geisteskrankheit einer Tante und seines Bruders Otto, thematisiert. Bei dem reichhaltigen und beweiskräftigen Material war es für die Gutachter leicht, sich von der Geistesstörung des Königs zu überzeugen. Ein Indizienfall reinster Form ohne jegliche Entlastung. Einstimmig gab man das Gutachten ab und schon mittags war man bis auf eine Reinschrift fertig. Drei Stunden hatten sie nur zur Begutachtung des Königs benötigt! Demnach war der König vollkommen seiner Geistesstörung verfallen, ein eklatantes Fehlurteil. Krank ja, aber deshalb noch lange nicht unmündig.

“Die geistigen Kräfte Seiner Majestät sind bereits dermaßen zerrüttet, daß alle und jede Einsicht fehlt, das Denken mit der Wirklichkeit im vollen Widerspruch sich befindet, das Handeln ein unfreies ist und Allerhöchstdieselben im Wahne absoluter Machtfülle, vereinsamt durch eigene Isolierung, wie ein Blinder ohne Führer am Rande des Abgrundes stehen”, werten die Gutachter das Material und erklären abschließend (Das vollständige Gutachten hier):

1. Seine Majestät sind in sehr weit fortgeschrittenem Grade seelengestört, und zwar leiden Allerhöchstdieselben an jener Form von Geisteskrankheit, die, den Irrenärzten aus Erfahrung wohlbekannt, mit dem Namen Paranoia (Verrücktheit) bezeichnet wird.

2. Bei dieser Form der Krankheit, ihrer allmählichen und fortschreitenden Entwicklung und schon sehr langen, über eine größere Reihe von Jahren sich erstreckenden Dauer ist Seine Majestät für unheilbar zu erklären und ein noch weiterer Verfall der geistigen Kräfte mit Sicherheit in Aussicht.

3. Durch die Krankheit ist die freie Willensbestimmung Seiner Majestät vollständig ausgeschlossen, sind Allerhöchstdieselben als verhindert an der Ausübung der Regierung zu betrachten und wird diese Verhinderung nicht nur länger als ein Jahr, sondern für die ganze Lebenszeit andauern.

Schlussbemerkung aus dem Gutachten, München, 8. Juni 1886