Ludwigs geliebtes und verhasstes Berchtesgaden

Koenigliche Villa in Berchtesgaden, Faksimile nach einem nach einem kolorierten Stich, 1860

Die Sommermonate zählten in Ludwigs Kindheit zu den glücklichsten Zeiten. Die königliche Familie hielt sich oft in Hohenschwangau auf, reiste aber auch immer wieder nach Berchtesgaden. Ludwig II. und sein Bruder Otto verweilten hier zwischen 1853 und 1863 oft in den Sommerferien. Die Königliche Villa hatte Ludwigs Vater Maximilian II. erbauen lassen. Die Bauarbeiten wurden 1853 abgeschlossen.

Die Zeit genießt Ludwig scheinbar sehr. Denn am 6. September 1856 schreibt er seiner ehemaligen Erzieherin Sibylle Meilhaus: “Wir leben hier in Berchtesgaden recht vergnügt, haben nur 3 Stunden Unterricht, die übrige Zeit ist der Muße und der Erholung geweiht.” Durch einen Zwischenfall im darauf folgenden Jahr 1857 im Park der Villa wendete sich allerdings seine Meinung. Der Aufenthalt in Bertesgaden wird ihm fortan zuwider. Nach dem Tod seines Vaters meidet er den Ort sogar für eine lange Zeit. Doch was war geschehen?

Der Generalmajor de la Rosée, der Erzieher des Kronprinzen, hatte Ludwigs Tendenzen zum Hochmut befördert, indem er ihn lehrte, dass sich Lakaien dem König nur tiefgebückt nähern dürfen und der König seine Anweisungen lediglich schriftlich zu übergeben hatte, ohne ein Wort zu wechseln. Sein Bruder Otto war sein erstes Subjekt, am dem er seinen königlichen Hochmut als erstes “ausprobierte”. Ludwig war sich über seine hohe Geburt sehr im Gewissen. Beim Sommeraufenthalt in Berchtesgaden hatte sein “Vasall Otto” ihm beim Spiel wieder einmal den Gehorsam verweigert. Ein Hofbeamter hatte entdeckt, dass Ludwig seinem Bruder Hände und Füße gefesselt, ihn geknebelt und ihn “hinrichten” wollte, indem er heftig an einem Tuch zerrte, das sich um den Hals seines Bruders schlag. Um Ludwig von Otto zu trennen, musste scheinbar Gewalt anwenden. Sein Bruder war scheinbar in eine lebensbedrohnliche Situation geraten. Von seinem Vater erhielt Ludwig für diese Schadtat eine gewaltige Tracht Prügel, wie es heißt. Er wurde offensichtlich so heftig verdroschen, dass ihm die Villa Berchtesgaden fortan ein Greul war.

Luise von Kobell, eine Biografin von Ludwig II., weiß noch einen ganz anderen Grund für die spätere Ablehnung von Berchtesgaden zu wissen: Ludwig II. soll sich wohl auch von dem mythischen Reiz des Friedhofes angezogen gefühlt haben. In seiner frühen Jugend hat er sich einmal bei Mondlicht auf den Friedhof geschlichen, um hier inmitten der Gräber und Kreuze seinen Schwärmerei nachzuspuken. “Die elterliche Zurechtweisung kränkte ihn tief und mag die Hauptursache seiner späteren Abneigung gegen Berchtesgaden gewesen sein”, will von Kobell wissen.