Mit dem Königs nach Schloss Berg – Staatskommission, letzter Akt

Schloss Berg um 1886 – Nach seiner Entmündigung brachte man König Ludwig II. von Bayern nach Schloss Berg, wo man ihn behandeln wollte. Fotografie: Joseph Albert
Schloss Berg um 1886 – Nach seiner Entmündigung brachte man König Ludwig II. von Bayern nach Schloss Berg, wo man ihn behandeln wollte. Fotografie: Joseph Albert

In der Morgendämmerung des 12. Juni 1886, es ist Pfingstsamstag, machen sich drei Kutschen von Neuschwanstein aus auf den Weg nach Schloss Berg. König Ludwig II. fährt allein in einer präparierten Kutsche. Man hatte die inneren Türknaufe entfernt. Auf dem Bock sitzt der Oberpfleger und nebenher reitet ein Stallbediensteter mit der Aufgabe, “scharf in den Wagen zu sehen und bei dem geringsten verdächtigen Symptom ein Zeichen zu geben.” Doch die Fahrt verläuft ohne jede Störung. Ursprünglich sollte Ludwig II. in Schloss Linderhof untergebracht werden.

Schloss Linderhof und Neuschwanstein scheinen ungeeignet für die Verwahrung von Ludwig II.

Vor dem Aufbruch der ersten Staatskommission hatte man Schloss Linderhof als Verwahrungsort für den König auserkoren. Es war das Lieblingsschloss des Monarchen und das einzige, dessen Bau als vollendet – beendet – gelten kann. Doch bei dem peinlichen Auftritt der ersten “Fangkommission” am 10. Juni machte man Erfahrungen, die man nicht erwartet hatte: Das Landvolk stand zu Ludwig II. und war ihn zu schützen bereit. Das kommt auch nicht von ungefähr. Seine Bautätigkeit auf dem Land hatte dem dortigen Volk Arbeit und Aufträge verschafft. Die Höfe musste versorgt werden und die ungewöhnlichen Wünsche des Königs wurden gestillt. So ließ er im Linderhof beispielsweise großflächig den Schnee räumen, damit er die Illusion einer anderen Jahreszeit hatte. Das mag niemand verstehen, für die Bevölkerung aber war das bahre Münze.

An jenem 10. Juni hatte das Landvolk den Weg nach Neuschwanstein gesäumt, den die Gefangenen der Kommission passieren mussten. Man war sogar von allen Seiten den Berg herausgeklettert. Im Schlossvorhof waren die Gefangenen einem Spießrutenlauf entschlossener, wilder Blicke und Drohungen ausgesetzt und man glaubte, hätte der anwesende Bezirksamtmann Sonntag die Menge nicht in Schach gehalten, wäre es wohl tatsächlich zu übergriffen gekommen. “Wovon Herr Minister von Crailsheim wohl am besten ein Lied singen könnte”, bezeugte der Rentamtssekretär Nikolaus Zimmermann, “da ihm einer drohte, ‘ihm alle vier Augen auszuschlagen’, wenn er nicht zurückgehe.” Bei der Beratung des Ministerrats und den zurückgekehrten Kommissionsmitgliedern in München in der Nacht zum 11. Juni glaubte man schließlich, dass es im Linderhof eine ähnliche Situation geben würde. So sah man von diesem und von den Schlössern in Hohenschwangau als Verwahrungsorte ab. Und man kam schließlich auf Schloss Berg.

Die Wahl von Schloss Berg als denkbar schlechteste Wahl?

Der Biograf von Ludwig II., Gottfried von Böhm, hielt diese Wahl für die denkbar schlechteste. “Der Einwand, dass Linderhof sich wegen der erregten Stimmung der dortigen Bevölkerung nicht mehr zum Aufenthaltsort eigne, war außerordentlich fadenscheinig und und haltlos”, schätzt Böhm ein. “Die Zinnen von Hohenschwangau und Schwanstein boten freilich Gelegenheiten zu einem kühnen Sprung in die Tiefe, aber gab es in aller Welt einen Ort weniger geeignet zur Wohnung eines Selbstmordkandidaten, als das mitten im Verkehr der Ausflügler gelegene, auch zur Aufnahme von Wärtern und Ärzten viel zu enge Schlößchen Berg, wo man dem König ein Fruchtmesser zum Schneiden einer Orange versagte, ihm aber den wenige Schritte entfernt gelegenen See als kühles Grab darbot?”

Später behauptete man, König Ludwig II. hätte eine Wahl für seinen Aufenthaltsort gehabt. Ministerratsvorsitzender Lutz schrieb später: “Wohl mochte er schon neue Selbstmord-
oder andere Pläne entworfen haben, als er Dr. v. Gudden mit äußerster Nachgiebiglkeit, mit einschmeichelnder Liebenswürdigkeit und mit dem Wunsche überraschte, nach Berg zu übersiedeln, einem Wunsche, von dessen Erfüllung der Arzt sich das Beste für seinen Patienten erwarten mochte und dem er deshalb bereitwillig entsprach.” Doch entspricht dies nicht den Tatsachen, denn der Arzt kam diesem Wunsch – wenn er überhaupt geäußert wurde – zuvor. Schloss Berg hatte man längst als Aufenthaltsort bestimmt und erste Vorkehrungen für die Ankunft des Königs getroffen.

Es ergab sich, daß Linderhof als nächster Aufenthaltsort des Königs aufzugeben sei wegen der erregten Stimmung der dortigen Bevölkerung, daß die Belassung des Königs auf Schloß Schwanstein oder Hohenschwangau aus dem selben Grunde und wegen der ganz ungeeigneten Bauart dieser Schlösser untunlich sei und daß nur Schloß Berg am Starnberger See als künftiger Aufenthaltsort des Königs ürig bleibe.

Professor Hubert von Grashey, einer der Gutachter über den König, über die Beratung des Ministerrats