Die private Finanzkrise – Vorgeschichte der Entmündigung König Ludwigs II.

König Ludwig II. von Bayern: Das finanzielle Risiko für seine Schlossbauten trug der König privat mit seinem Vermögen – Fotografie von Joseph Albert, 1884
König Ludwig II. von Bayern: Das finanzielle Risiko für seine Schlossbauten trug der König privat mit seinem Vermögen – Fotografie von Joseph Albert, 1884

Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1870/71, bei der König Ludwig II. schmerzlich Souveränitätsrechte an den deutschen Kaiser abgetreten hatte, wendete sich Ludwig II. immer mehr seinen Schlossbauten zu. Gleichzeitig zieht er sich noch mehr aus der Öffentlichkeit zurück, meidet Repräsentationspflichten und den direkten Dialog mit seinen Ministern und Beamten, wo es nur geht. Die Zuwendung zu seinen Schlossprojekten wurde zu seiner Obsession, zu einer Sucht. Und sie verschlang Millionen, die er nicht hatte. Schulden mussten gemacht werden. Und die private Finanzkrise des Königs wurde letztlich zu einer Staatsangelegenheit ungeheueren Ausmaßes.

Die finanzielle Lage Ludwigs II. spitzt sich zu

Nach der Einführung der Reichsmark standen Ludwig II. 1876 rund 4,2 Million Mark als “permanente Zivilliste” zur Verfügung. Ein großer Teil dieser Gelder waren jedoch gebunden, waren hiermit der Hofstaat zu versorgen, Repräsentationskosten zu tragen, Schlösser instandzuhalten und dergleichen. Im Laufe der Jahre wurden immer mehr Gelder gebunden, so dass Ludwig II. zuletzt über nur noch etwa 800.000 Mark frei verfügen konnte. Dies war zu wenig, um die Bauschulden für seine Schlossprojekte zu begleichen und laufende Kosten zu tragen. Die jährliche Zahlung von 300.000 Reichsmark, die Bismarck mit dem bayernischen König geheim vereinbart hatte, konnten die finanzielle Situation des Königs nur lindern. Bereits 1876 sollen sich die privaten Schulden Ludwigs II. auf etwa eine Million Mark belaufen haben. In seine Zahlungsfähigkeit hatte man wenig Vertrauen und seine Kreditwürdigkeit war gering. Doch war dies ein Schuldenberg, der noch zu bewältigen war. Damals.

König Ludwig II. verfolgte jedoch seine Bauprojekte unvermittelt weiter, so dass die Schulden weiter anwuchsen. Anfang 1884 betrug der Schuldenberg etwa 8,25 Millionen Mark. Die Fonds, aus denen er schöpfen konnte, waren aufgebraucht. Auch die Aufstockung der Überweisungen von Bismarck änderten nichts an der Situation (bis 1885 hatte Ludwig II. etwa 5 Millionen Mark erhalten). Und Bemühungen um private Darlehen schlugen fehl. Ludwig II. musste den Baustopp veranlassen und erst einmal seine Geldgeschäfte regeln. 1884 betraute er seinen Finanzminister Emil von Riedel erstmals mit der Lösung der königlichen Finanzkrise und machte damit seinen privaten Schuldenberg auch zur Staatsangelegenheit.

Die Lage der k. Kabinettskasse ist eine sehr ernste, so ernst, daß ich, seitdem ich mich näher mit derselben beschäftige, in der Tat von schweren Sorgen niedergedrückt bin. Wenn nicht baldigst die vorhandenen Schuldenverbindlichkeiten getilgt werden, so ist zu befürchten, daß Hunderte, ja vielleicht noch mehr Existenzen dem ökonomischen Ruine verfallen, und dieser Umstand allein bringt schon eine große Gefahr, da die berechtigten Klagen der Betroffenen nicht bloß in ganz Bayern, sondern weit über die Grenzen hinaus einen Widerhall finden werden [...]

Dazu kommt noch ein weiterer, höchst mißlicher Umstand. Nach bayerischen Gesetzen kann die Zivilliste vor Gericht verklagt und folgerichtig wenigstens teilweise auch gerichtliche beschlagnahmt werden [...]

Finanzminister Emil von Riedel an Hofsekretär Pfister, 19. April 1884