Die private Finanzkrise – Vorgeschichte der Entmündigung König Ludwigs II.

Geldbeschaffung um jeden Preis

Im Januar 1886 bezifferte der Ministerratsvorsitzende Johann Freiherr von Lutz in einem Memorandum eine Schuldensumme von rund 20 Millionen Mark, bei der er die voraussichtlichen zukünftigen Kosten einrechnete. Die Minister bestanden weiterhin auf einen klaren Schnitt zwischen Zivilliste und dem übrigen Staatshaushalt, den Landtag wollte man nicht befragen, um dem Ansehen der Krone nicht noch weiter zu schaden, im Ausland war man ratlos und die königliche Familie, insbesondere Prinz Luitpold hielt sich raus. Doch die mögliche Beschlagnahmung seiner Schlösser, die Lutz in seinem Memorandum als Konsequenz nannte, traf den König schwer. Dies wollte er – notfalls mit Gewalt – verhindern, ebenso wie einen neuerlichen Baustopp. So schickte er Gesandte in die Welt hinaus, um Geld zu beschaffen:

Marstallfourier Hesselschwerdt sollte in Regensburg bei Fürst Maximilian von Thurn und Taxis ein Anlehen aufnehmen, ein Flügeladjutant wurde nach Stockholm gesandt, um den König von Schweden und Norwegen um ein Darlehen zu bitten. Andere wurden nach Brasilien, nach Brüssel oder zum Sultan nach Konstantinopel geschickt und zum Schah nach Teheran. Graf Dürckheim sollte zum Herzog von Westminster nach England reisen, Hesselschwerdt, der verschiedene Aufträge des Königs erhalten hatte, sollte ein andermal nach Neapel, wohin der aber gar nicht reiste und nur zum Schein ein paar Tage fern blieb. Sogar zum Bankhaus Rothschild nach Frankfurt am Main schickte Ludwig II. scheinbar Bedienstete, die dort Millionen für seine Bauten rauben sollten. Nichts, aber auch gar nicht kann den bevorstehenden Bankrott der Kabinettskasse abwenden. Oder etwa doch?

Wenn es nicht gelingt, eine bestimmte Summe (etwa in vier Wochen) herbeizuschaffen, so wird Linderhof und Herrenchiemsee, mein Eigentum also, gerichtlich beschlagnahmt! Wenn dies nicht rechtzeitig verhindert wird, werde ich mich entweder sofort töten oder jedenfalls das verfluchte Land, in welchem so Schauderhaftes geschah, sofort und für immer verlassen. Ich fordere Sie nun auf, mein lieber Graf, und lege Ihnen dringend an das Herz, ein Kontingent zustande zu bringen, welches fest und treu zu mir steht, sich durch nichts einschüchtern läßt und das, wenn es wirklich zum Äußersten kommen sollte und die nötige Summe nicht fließt, das rebellische Gerichtsgesindel hinauswirft.
König Ludwig II. an Graf Dürckheim-Montmartin, 28. Januar 1886