Graf Dürckheim und König Ludwig II. in Neuschwanstein – die letzten Stunden im Märchenschloss

Festnahme von Dürckheim-Montmartin

Auf dem Bahnhof zu München wurde Graf Dürckheim von dem Adjutanten des Kriegsministers in Haft genommen und ihm nicht gestattet, mit seinem Bruder zu sprechen oder Familienbriefe entgegenzunehmen. Es wurde eine Untersuchung wegen Hoch- und Landesverrat gegen ihn eingeleitet. Indessen sah man ein, daß in Zeiten des Übergangs mit diesen Begriffen schwer zu operieren sei, so lange man selbst des gleichen Delikts allerdings nur von einer verschwindenden Minorität beschuldigt wird.

Man ließ die Einrede gelten, daß der Graf nur den Befehl seines Kriegsherrn gehorcht und von der Proklamation des Regenten keine offizielle Kenntnis erhalten habe und schloß auf einen nur geringen “verbrecherischen Willen” aus dem Umstand, daß die Telegraphenbeamten ihn darauf aufmerksam gemacht hatten, wie wenig Aussicht dafür bestehe, daß seine Mitteilungen in Bayern an ihren Bestimmungsort gelangen. Er wurde bald der Haft entlassen. Seine Bitte aber, seinen toten König noch einmal sehen zu dürfen, wurde abgeschlagen und der Regent empfing ihn nicht in Audienz bei seiner Versetzung.

Späte Würdigung des Flügeladjutanten

Anders faßten die meisten Offiziere und die Hofgesellschaft die Sache auf. Man nahm lebhaft Partei für ihn und verlangte statt Strafen Auszeichnungen. Er mußte der Königin-Mutter in Elbigenalp über die letzten Lebenstage des Königs mündlich Bericht erstatten und sie blieb ihm immer gewogen. Er wurde nach Metz versetzt und ging, wenn auch großenteils außerhalb Münchens, einer glänzenden Militärlaufbahn entgegen. Als er im April 1912 als kommandierender General in Locarno einem Herzleiden erlag, ließ auch der Prinz-Regent einen Kranz an seiner Bahre niederlegen und sich bei den Beisetzungsfeierlichkeiten vertreten. Aus Petersburg, Paris, Salzburg, Wien und vielen Städten des Reiches laufen Telegramme ein. Albrecht Eckbrecht von Dürckheim-Montmartin wird mit allen militärischen Ehren zum Münchener Hauptbahnhof begleitet. In Steingaden sollte er seine letzte Ruhe erhalten. Abordnungen aller Waffengattungen waren vertreten, an ihrer Spitze der spätere Generalfeldmarschall Prinz Leopold von Bayern. Zum Trauergeleit sagt ein offizieller Vertreter Münchens: “Was die Armee an dem bewährten Führer verliert, bleibt dem kundigen Urteil der Fachmänner überlassen, aber daran darf ich an Graf Dürckheims Bahre erinnern, dass er im Gedächtnis der Zeitgenossen fortlebt als Aristokrat des Geistes, als Typus des echten, vollendeten Edelmannes.”

Quelle: Gottfried von Böhm: Ludwig II. von Bayern – Sein Leben und seine Zeit, Berlin 1924