Augenzeugenbericht des Nikolas Zimmermann über die Vorgänge auf Schloss Neuschwanstein

Im folgenden geben wir den vollständigen “Augenzeugebericht” von Nikolas Zimmermann wieder, der diesen Bericht in einem Brief vom 18. Juni 1886 kundtat. Der Bericht legt die Eregnisse, die mit dem Eintreffen der Staatskommission in Hohenschwangau beginnen

Der Bericht über die Ereignisse vom 9. bis 12. Juni 1886

Werthester Herr Krumm!

Entsprechend dem mir ausgedrückten Wunsche beeile ich mich sogleich von den Vorgängen, die sich in letzter Zeit in Hohenschwangau in bezug auf die Person des Königs zugetragen haben, teils aufgrund eigener Wahrnehmungen, teils auf Aussagen verlässiger Mittelspersonen, möglichst getreuen Bericht zu erstatten. Erlauben Sie mir vor allem, auf die Ursache zurückzukommen, welche die Staatsregierung zur Absetzung des Königs und Beschränkung seiner persönlichen Freiheit veranlaßte, nämlich die nach dem Gutachten des ärztlichen Kollegiums “Weitest vorgeschrittene geistige Erkrankung des Königs”. – Dieses Gutachten gründete sich jedoch keineswegs auf Beobachtungen der Person des Königs, sondern unzweifelhaft auf die vorhandenen, schriftlichen Willensäußerungen des Königs, enthaltend Befehle zur Verbannung, Hinrichtung oder Mißhandlung dieser oder jener Person.

Dieses Beweismaterial mag freilich hinreichen, um bei rein objektiver Prüfung zu dem Ergebnis zu gelangen: “Ein Mensch, der so etwas schreibt, muß wohl verrückt sein!” Diese Beweise stellen sich jedoch in Berücksichtigung der nach folgenden Erörterungen in einem anderen Lichte dar. Bedenken Sie doch, daß König Ludwig als 18-jähriger Jüngling den Thron bestieg, völlig unerfahren und zugleich umgeben von Personen, die systematisch darauf hinwirkten, dem König eine falsche Vorstellung von seinen Befugnissen als Herrscher zu verschaffen, die ihn über die wahre Stimmung seines Volkes im Unklaren ließen, die Briefe und Vorstellungen wahrheitsliebender Personen einfach unterschlagen haben. Diese krankhafte, einseitige Neigung mußte sich begreiflicher Weise im Laufe der Jahre nur steigern und dies um so mehr, als der König von seinem Vertrauten Hesselschwerdt Bericht dahin erstattet erhielt: “Majestät haben nach den Ministern nichts zu fragen.” Derselbe war es auch, der sagte: “Majestät, der gegebene Befehl ist vollzogen!” Er war es auch, der dem König noch in den letzten Wochen den Rat gegeben hat, nicht nach München zu gehen, da das Volk gegen ihn aufgebracht sei, und noch verschiedenes andere, was den König dazu brachte, wie er in letzter Zeit war: erfüllt von Menschenscheu, ja Menschenhaß.

Kurz und gut, ich will meine Einleitung dahin beenden, daß der König nach übereinstimmenden Äußerungen der Personen, die mit ihm näheren Umgang gepflogen, nur seine extravaganten Launen hatte, die ich nur als Monomanie bezeichnen möchte, – daß jedoch von einem ausgeprochenen Wahnsinn keine Rede sein kann, was durch folgende Darlegungen nach mehr bekräftigt werden dürfte. Diese Monomanie in seiner Stellung als Herrscher könnte nach meiner Auffassung dazu berechtigen, die Ausübung der Regentschaft dem König abzunehmen, nicht aber seine persönliche Freiheit so weit zu beschränken, wie es tatsächlich geschehen ist. Diese Auffassung wird auch von allen, die die Sachlage kennen, voll geteilt.