Berichte der Münchener Allgemeinen Zeitung über die Beerdigung von König Ludwig II.

20. Juni 1886

Die Beerdigung weil. Sr. Maj. König Ludwigs II.

Ereignisse, wie das heutige, tragen als Marksteine in der Geschichte eines Landes den Stempel tiefernster Bedeutung. Zweiundzwanzig Jahre früher bestattete München seinen König Maximilian II., den vielgeliebten, heute ist es Ludwig II., dessen hochtragisches Geschick der Trauer und dem Ernste vertiefte Bedeutung lieh. Die Erlebnisse der letzten sieben Tage haben unverkennbar das Gefühl und Sinn der Bevölkerung der Hauptstadt und des Landes im Innersten bewegt, die Empfindung des schweren Schicksals, das Königshaus und Land betroffen, lang in den Mienen eines Jeden ausgeprägt, und wer des Bayernvolkes Königstreue kennt, wird begreifen, daß die zur Schau getragene Trauer tief innerlich war. Gleichwie bei der Besichtigung der Königsleiche auf dem Paradebett, so war auch heute bei der Leichenfeier die Stimmung der Bevölkerung eine dem Ernst der Lage entsprechend würdige und ernste. Auch der Himmel, der die letzten Tage trüb und regnerische gewesen, schien Antheil zu nehmen an dem Ereignisse.

Schon vom frühen Morgen an brachten die Züge ungezählte Menschenmassen aus nah und fern zur Residenz, welche alle ihrem geliebten Landesherrn die letzte Ehre erweisen wollten. Düster und wolkenumhüllt ließ sich der Tag an, und erst, als um die erste Stunde des Nachmittags dem Programm entsprechend der Leichenzug sich von der alten Hofcapelle aus in Bewegung setzte, durchbrach die Sonne die Wolken, gleichsam, als wollte sie noch einen letzten Blick auf den Sarg des unglücklichen Bayernkönigs werfen.

Viele Häuser in den Straßen, durch welche sich der Trauerzug bewegte, waren schwarz decorirt, auf den städtischen und vielen Privatgebäuden waren Trauerfahnen aufgehißt, von 11 Uhr ab sämmtliche Läden und die meisten Wirthschaften selbst bis in die entferntesten Vorstädte hinaus geschlossen, während die Gesandten und Consulate die Fahnen der von ihnen vertretenen Länder mit Trauerflor umhüllt aufgezogen hatten. Eine unzählige Menschenmenge hatte sich in den Straßen und Plätzen angesammelt, durch welche der Trauerzug, der Punkt 1 Uhr sich in Bewegung setzte, seinen Weg nahm. Nebenbei bemerkt, war eine solche Menge von Fremden in München eingetroffen, daß die Gasthäuser nicht Raum genug boten und eine große Anzahl in den Straßen promenirend die Nacht zubringen mußten. Trotzdem daß der Andrang ein kolossaler war, konnten alle, die herbeigeeilt waren, ihrem dahingeschiedenen König den letzten Liebesdienst erweisen, den Trauerzug ansehen, der sich Punkt 1 Uhr unter dem Geläute aller Glocken von der Residenz aus in Bewegung setzte. Er nahm seinen Weg durch die Briennerstraße über den Karolinenplatz, durch die Arcis- und die Sophienstraße über den Karlsplatz, durch das Karlsthor in die Neuhauserstraße zur St. Michaelshofkirche.