Das Gutachten vom 8. Juni 1886 über den Geisteszustand von König Ludwig II. – Vollständiger Text

Die zum Zwecke der Beurteilung der Voraussetzungen für den Eintritt der Regentschaft erstatteten Gutachten und ärztlichen Berichte über den Geisteszustand König Ludwig II.

Gutachten des K. Obermedizinalrates Dr. von Gudden, Direktor der oberbayerischen Kreisirrenanstalt, des K. Hofrates und außerordentlichen Professors Dr. Hagen, Direktor der Kreisirrenanstalt von Mittelfranken, des K. ordentlichen Universitätsprofessors der Psychiatrie an der Universität Würzburg, Dr. Grashey, und des K. Direktors der Irrenanstalt zu Werneck, Dr. Hubrich, vom 8. Juni 1886

Aerztliches Gutachten über den Geisteszustand Seiner Majestät des Königs Ludwig II. von Bayern.

So peinlich es für die unterzeichneten Ärzte ist, an die Beurtheilung des geistigen Zustandes Seiner Majestät ihres Königs heranzutreten, sie müssen dem erhaltenen Befehle Folge leisten und erstatten hiermit unter ausdrücklicher Berufung auf den von ihnen geleisteten Eid, ihrer schweren Verantwortlichkeit vollkommen bewußt, nach Pflicht und Gewissen das verlangte Gutachten, wobei sie bemerken, daß eine persönliche Untersuchung Seiner Majestät, was weiter auseinanderzusetzen überflüßig sein wird, unthunlich, bei dem vorliegenden Aktenmaterial aber auch nicht nothwendig war.

Zunächst darf an die notorische Thatsache erinnert werden, daß eine Tante Seiner Majestät, Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Alexandra eine lange Reihe von Jahren (bis zum erfolgten Tode) an unheilbarer Geisteskrankheit litt. Ist hierauf auch nicht allzugroßes Gewicht zu legen, so muß um so mehr hervorgehoben werden, daß auch der jüngere Bruder Seiner Majestät, Seine Königliche Hoheit Prinz Otto von Bayern, unheilbar geisteskrank ist, daß Höchstdessen Erkrankung in ihren Anfängen sich bis in die Jugend verfolgen und Züge erkennen läßt, deren Verwandtschaft mit gewissen Erscheinungen bei Seiner Majestät sich unwillkürlich und unabweisbar aufdrängt.

Dem mitunterzeichneten Obermedizinalrath von Gudden klagte Seine Königliche Hoheit zu einer noch relativ freien Zeit, daß Höchstdessen qualvolle Zustände von Angst und innerer Unruhe sich vorübergehend schon in früher Jugend bemerkbar gemacht hätten, daß beispielsweise es Seiner Königlichen Hoheit als Lieutenant mit 17 Jahren bei der ersten Residenzwache, als Münchener Einwohner voll freudiger Theilnahme sich sammelten und zuschauten, zu Muthe gewesen sei, als ständen Höchstderselbe am »Schandpfahle«; dabei leiden Seine Königliche Hoheit an den widerwärtigsten Empfindungen in der Brust und im Unterleibe, an Hallucinationen sämmtlicher Sinne, an motorischen Erregungen, die sich in den verschiedensten schleudernden und springenden Bewegungen der Arme und Beine äußern, sind nicht selten gemüthlich in hohem Grade gereizt und zu Gewaltthätigkeiten geneigt, dabei, im Gegensatze und gewissermaßen im Gegengewichte zu so manchen niederdrückenden Empfindungen und Vorstellungen, nicht selten von einem so außerordentlich gesteigerten Bewußtsein Höchst-Seiner Stellung durchdrungen, daß Aeußerungen, wie »Niemand hat mir zu befehlen, selbst der König nicht« öfters vernommen und alle Bemühungen, auf Seine Königliche Hoheit durch ärztlichen Rath oder möglichst schonend getroffene äußere Veranstaltungen einzuwirken, von vorneherein verloren waren.