Nicht rettungslos – Ein Bericht von Dr. Hubert Grashey an den Landtag

Dr. Hubert von Grashey etwa um 1900
Dr. Hubert von Grashey etwa um 1900

Am 13. Juni 1886 erwacht König Ludwig II. am Morgen und spricht mit dem Pfleger Mauder, der um 6 Uhr seinen Dienst wieder aufgenommen hatte. Der König beschwert sich, warum er nicht wie befohlen in der Nacht geweckt wurde. Er lässt nach Professor von Gudden rufen und unterhält sich einige Zeit mit diesem. Hierbei setzt er dem Arzt auseinander, dass er glaubt, Prinz Luitpold würde von den Verschwörern nur benutzt werden. Der Prinz sei ehrenhaft, aber zu schwach, dies alles zu durchschauen zu können. Dass dem König nun zwei Kavaliere zur Verfügung gestellt werden, die sich des öfteren mit ihm beschäftigen sollen, gefällt Ludwig II. wenig. Es sind ihm zwei Kavaliere zu viel. Man versucht hierdurch, ihm sein Bedürfnis nach Einsamkeit notfalls auch durch Zwang abzugewöhnen.

Nach dem Gespräch verschwindet Ludwig II. wieder im Bett. Kurz nach 8 Uhr begibt sich Dr. Hubert von Grashey in das Schlachgemach. Über die halbstündige Unterredung mit dem König, in der dieser erneut die Frage aufwirft, warum man ihn ohne vormalige Untersuchung begutachtet hat, gibt Grashey später den folgenden Bericht an den Landtag ab. Kurz nach der Unterredung mit dem König trifft Grashey Professor von Gudden und den Freiherrn von Wahsington und meint: “Für rettungslos halte ich den Zustand Seiner Majestät nicht.” Gudden hat der Satz scheinbar sehr aufgebracht, berichtet Washington.

Seine Majestät sprachen rasch, meist in kurzen fragenden Sätzen, die Artikulation war vollkommen sicher, der Ton der Unterredung ein durchaus freundlicher und gnädiger; auch auf eingeschobene Fragen antwortete Seine Majestät bereitwillig. Erst erkundigten sich Allerhöchstdieselben eingehend nach den persönlichen Verhältnissen des Unterzeichneten und kamen dann aus eigener Initiative auf die neue Situation zu sprechen. Man habe nicht richtig gehandelt, hätte Allerhöchstdenselben erst von dem Vorhaben in Kenntnis setzen sollen, es bestehe jedenfalls ein Komplott, die Hauptfrage sei, wie lange die Sache dauern solle, ob denn für immer oder bis wann, Obermedizinalrat Gudden gebe in dieser Beziehung ausweichende Antworten, es liege also die Befürchtung nahe, die Gefangenschaft könne jahrelang dauern.

Die Einwendungen des Unterzeichneten, daß an ein Komplott gar nicht zu denken sei, daß seine Kgl. Hoheit Prinz Luitpold höchst ungern und nur unter dem Druck der durch Erkrankung Seiner Majestät entstandenen unabweisbaren Notwendigkeit zur Übernahme der Regentschaft sich entschlossen haben, daß das kgl. Staatsministerium das denkbar treueste und anhänglichste sei, daß jedermann über die Erkrankung Seiner Majestät aufrichtig trauere, daß nur diese die Ursache der gegenwärtigen Situation sei und daß diese Erkrankung durch ärztliche Gutachten nachgewiesen sei, daß eine bestimmte Angabe über die Dauer der gegenwärtigen Lage nicht gemacht werden könne, daß dieselbe jedoch, wie der Wortlaut der Verfassung bekunde, länger als ein Jahr dauern werde; Seine Majestät seinen nach wie vor König von Bayern, und wenn einmal durch ein neues Gutachten die Genesung Seiner Majestät nachgewiesen würde, dann werde die Reichsverwesung [Regentschaft] ohne Zweifel wieder aufhören – diese Einwendungen nahmen Seine Majestät ruhig und die Konversation weiterführend entgegen.

Der Gedanke, krank zu sein, wurde nicht angenommen, jedoch mit dem Zugeständnisse, daß in früheren Jahren Aufregungszustände dagewesen seien und daß wegen Schlaflosigkeit vielfach Schlafmittel gebraucht worden seien. Alsdann kamen Fragen über die gegenwärtige Ansicht der Ärzte und über die zu erwartenden Ratschläge. Die Äußerung, daß die Ärzte auf das gegenwärtige ruhige Verhalten Seiner Majestät großes Gewicht legen, hatte er erfreuende und befriedigende Wirkung, und die Vorschläge, ganz regelmäßig zu leben, wenig Spirituosen zu genießen, fleißig in frischer Luft Bewegung zu machen, eine regelmäßige Beschäftigung zu wählen, wurden zustimmend und mit der Bemerkung aufgenommen, daß der Unterzeichnete für baldige Übersendung der Bibliothek aus Neuschwanstein sorgen solle…

Aus dem Bericht Dr. Grasheys an den Landtag über sein Gespräch mit König Ludwig II.