Proklamation der Regentschaft von Prinz Luitpold

Prinz Luitpold von Bayern übernahm am 10. Juni die Regentschaft über Bayern für den für wahnsinnig erklärten König Ludwig II. – Fotografie von Joseph Albert, 1861
Prinz Luitpold von Bayern übernahm am 10. Juni die Regentschaft über Bayern für den für wahnsinnig erklärten König Ludwig II. – Fotografie von Joseph Albert, 1861

Während in Hohenschwangau die Staatskommission den Rückzug antritt, nachdem man vergeblich versucht hatte zum König vorzudringen, wird in München in den frühen Morgenstunden des 10. Juni 1886 die Proklamation der Regentschaft von Prinz Luitpold in den Straßen angeschlagen. Die befreundeten Höfe waren bereits am Tag zuvor von Luitpold über die Einsetzung der Regentschaft für Ludwig II. informiert worden. Prinz Luitpold war sein Entschluss zur Regentschaft sehr schwer gefallen. Die Politik war ihm zuwider. Zudem war er konservativ eingestellt und scheute sich eher, den Preußen freundlich gegenüber stehenden Ministern voranzuschreiten. Aus Pflichtgefühl Bayern gegenüber fügte er sich scheinbar. Und nun wurde das bayerische Volk in Kenntnis gesetzt – in München.

Die Proklamation war der erste und wichtige Schritt zur Regentschaftsübernahme. Doch bis nach Hohenschwangau war sie noch nicht vorgedrungen, wo König Ludwig II. Haftbefehl für die Mitglieder der Staatskommission erließ, die eigentlich ihn festsetzen sollte. Erst in den späten Morgenstunden des 10. Junis wird der Bezirksamtsmann Sonntag darüber informiert. Die Proklamation Luitpolds trug den folgenden Text:

Im Namen Seiner Majestät des Königs.

Unser Königliches Haus Bayerns treubewährtes Volk ist nach Gottes unerforschlichem Ratschlusse von dem erschütternden Ereignisse betroffen worden, daß Unser vielgeliebter Neffe, der allerdurchlauchtigste großmächtigste König und Herr, Seine Majestät König Ludwig II., an einem schweren Leiden erkrankt sind, welches Allerhöchstdieselben an der Ausübung der Regierung auf längere Zeit im Sinne des Titels II § 11 der Verfassungsurkunde hindert.

Da Seine Majestät der König für diesen Fall Allerhöchstselbst weder Vorsehung getroffen haben noch dermalen treffen können, und da ferner über Unseren vielgeliebten Neffen, Seine königliche Hoheit den Prinzen Otto von Bayern, ein schon länger andauerndes Leiden verhängt ist, welches Ihm die Übernahme der Regentschaft unmöglich macht, so legen Uns die Bestimmungen der Verfassungsurkunde als nächstberufenem Agnaten die traurige Pflicht auf, die Reichsverwesung zu übernehmen.

Indem Wir dieses, von dem tiefsten Schmerze ergriffen, öffentlich kund und zu wissen tun, verfügen Wir hiermit in Gemäßheit des Titels II § 11 und 16 der Verfassungsurkunde die Einberufung des Landtages auf Dienstag, den 15. Juni des laufenden Jahres.

Die königliche Kreisregierungen werden beauftragt, sofort alle aus ihrem Kreise berufenen Abgeordneten für die zweite Kammer unter abschriftlicher Mittheilung dieser öffentlichen Ausschreibung aufzufordern, sich rechtzeitig in der Haupt- und Residenzstadt München einzufinden.

München, den 10. Juni 1886

Luitpold, Prinz von Bayern

Dr. Frhr. v. Lutz – Dr. v. Fäustle – Dr. v. Riedel – Frhr. v. Crailsheim – Frhr. v. Feilitzsch – v. Heinleth