Die frühe Kindheit von König Ludwig II.

Die königliche Familie: König Marie mit Prinz Otto und König Max II. mit Kronprinz Ludwig

Ludwig II. blieb sich selbst und seinen Zeitgenossen Zeit seines Lebens ein unverstandener Sonderling. Die Spuren zu seiner Persönlichkeit führen in seine Kindheit. Für die Entwicklung der Persönlichkeit sind Kindheit und Jugend maßgebliche Lebensphasen. Hier werden Wahrnehmung und Fähigkeiten geschult und Geist und Körper gebildet. Individuelle Stärken und Schwächen treten hervor und es ist eine Frage der Erziehung und des Umgangs mit dem Kind, ihm einen freien Zugang zu sich selbst zu gewähren. Doch bei dem Heranwachsenden Ludwig wurden die Entfremdung von Menschen und von der Welt eher verstärkt, ebenso wie Hochmut, Verbohrtheit und sein Hang zur Einsamkeit. Seine Bedürfnisse von Nähe und liebevoller Zuneigung blieben von den Eltern unbeantwortet. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich schon früh in die Einsamkeit und in seine Phantasie zurückzog.

Als Säugling bei einer Amme

Gleich nach der Geburt wurde der Säugling einer Amme, einer unbekannten Bäuerin aus Miesbach, übergeben. Dies war in königlichen Häusern damals durchaus gelebte Praxis. Bei der Amme entwickelte sich Ludwig in Schloss Nymphenburg prächtig. Doch im Frühjahr 1846 im Alter von etwa acht Monaten verstarb die Amme an einer Hirnhautentzündung (Meningitis). Ludwig könnte sich bei ihr angesteckt haben. Seine Mutter Marie berichtet jedenfalls, dass er todkrank wurde. Der Junge musste von heute auf morgen abgestillt werden. Er verfiel zusehens, bekam Fieber und man befürchtete bereits seinen baldigen Tod. Doch Ludwig erholte sich und kam langsam wieder zu kräften. Ungeachtet von möglichen erblichen Belastungen könnte dieses Ereignisse mit den chronischen Leiden des Erbprinzen zusammenhängen. Denn Ludwig litt oft an Kopfschmerzen (wie sein Vater). Auch die Zähne schmerzten ihn häufig.

“Millau” wird Erzieherin von Ludwig II.

Im Juli 1846 wird Ludwig seiner Erzieherin Sibylle Meilhaus übergeben. Sie wird ihn bis zu seinem 7. Lebensjahr begleiten (andere Quellen benennen das 9. Lebensjahr). Von ihr erfährt er die Nähe, die ihm seine Eltern kaum gewähren. Sie kompensiert die Härte und entbehrungsreiche Erziehung durch die Eltern. Eine liebevolle Zuwendung ist den Eltern eher fremd. Den Begriff “Liebe” wollten die Eltern schienbar nicht einmal zu Ohren bekommen, wie auch der Dichter Paul Heyse berichtet, der beim Rezitieren von Texten “Liebe” durch “Freundschaft” ersetzen sollte.

Gemeinsam mit seinem Bruder Otto wächst Ludwig in der Residenz in München heran. Den Sommer verbringen sie in Nymphenburg, Hohenschwangau, Berchtesgaden und anderen Sommersitzen der Familie. Besonders das Schloss Hohenschwangau hinterlässt einen bleibenden Eindruck auf Ludwig, dessen Wandbehänge mit sagenhaften Motiven die Phantasie des Erbprinzen grundlegend prägen. Hohenschwangau wird Zeit seines Lebens sein Lieblingsschloss bleiben.

Die Kinder waren zum Großteil von den Repräsentationspflichten befreit. Nur selten nahmen sie an offiziellen Anlässen teil. “Millau”, wie Ludwig seiner Erzieherin herzlich rief, sorgt sich rührend um Ludwig und zieht ihn anderen Kindern und seinem Bruder vor. Gerade die Sommermonate sind unbeschwert und voller Naturerlebnisse, Ausflüge und Schifffahrten. Seinen Neigungen zur Kunst stellten sich schon früh heraus. Mit Bausteinen spielte er gern, besonders gern baute er “Kirchen, Klöster und dergleichen”, wie seine Mutter berichtete. Sein Großvater, ein Freund der Kunst und leidenschaftlicher Bauher, befördert diese Lust. Weihnachten 1852 erhielt Ludwig das Siegestor als Bausatz. Auch zur Literatur fühlte er sich hingezogen. Er liebte biblische und andere Geschichte und die ihm dazu gezeigten Bilder. Auch dem Theater war er zugeneigt. Er verkleidete sich gern.

Als Sibylle 1854 den Dienst am Hofe beendete, ließ Ludwig sie nur schweren Herzens gehen. Er wird ihr sein ganzes Leben treu bleiben.