Kraftprobe mit dem Staatsrat – Der Fall Richard Wagner 1865

Wagner auf dem Eis –
Wagner auf dem Eis – "Münchner Kindl: Sie, wenn Sie den Kopf so hoch tragen, geben's Acht, daß S' fein net in das Loch da 'neinfallen!" – Karikatur im Münchner Punsch 1865

Am 4. Mai 1864 begegneten sich Ludwig II. und Richard Wagner erstmals persönlich. Es entwickelte sich eine innige Freundschaft, die von den Staatsräten argwöhnisch beobachtet wurde. Wagner war gierig. Und Wagner hatte für einige Staatsräte einen beängstigenden Einfluss auf den König. Bis die Regierung ein Ultimatum stellte: Entweder Wagner oder Bayern.

Im Verlauf des Jahres 1865 schlug die Stimmung in der Hauptstadt um. Wagners Einfluss auf den König schien vielen Staatsräten zu groß zu werden. Zudem ärgerte man sich über die immer höheren Forderungen, die der Künstler für die Realisierung seiner Arbeiten verlangte. Dies geriet zu einer für den König peinlichen öffentlichen Disskussion. Wegen seiner revolutionären Vergangenheit, als er 1848/49 die umstürzlerischen Bewegungen in Sachsen unterstützte und deshalb fliehen musste, wurde Wagner ohnehin mit Argwohn betrachtet. Eine Schatzanweisung über 40.000 Gulden an Wagner, dessen Aufenthalt im Schloss Hohenschwangau Ende 1865 und letztlich Wagners Versuche, sich in die Landespolitik einzumischen, ließen die Sache Wagner zu einer Machtprobe zwischen Regierung, Kabinett und König werden.

Zunächst weckte der Lebensstil Richard Wagners den Unmut des Volkes. Ludwig II. unterstützte den Künstler aus seiner Privatschatulle. Doch die anmaßenden Summen erregten das Volk. Daß sich der König immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückzog, lastete man ebenfalls Wagner an. Hinzu kamen die überheblichen Auftritte bei den Vorbereitungen zur Aufführung von Tristan und Isolde. Um das Orchester erweitern zu können, ließ Bülow einige Sitzreihen aus dem Theater entfernen. Der Dirigent war auf persönlichen Wunsch Wagners in München. Dazu ließ er sich abschätzig über das Münchner Publikum aus. “Ach, das ist ja einerlei”, soll er gesagt haben, “ob ein paar Dutzend Schweinehunde mehr oder weniger ins Parkett gehen.”

Meine Pflicht als Berichterstatter erlaubt mir leider nicht zu verschweigen, daß das Verhalten des jungen Königs von Bayern von Tag zu Tag eigentümlicher wird und immer mehr zu der gegründeten Besorgnis Anlaß gibt, daß der Monarch durch sein exzentrisches Auftreten die Liebe seines Volkes verscherzen werde. [...]

Daß Seine Majestät bereits über 80.000 Gulden den Launen dieses Künstlers geopfert hat, will ich als geringfügig übergehen, ebenso die verschiedenen Skandale, welche die Vorbereitungen zur Aufführung der Oper “Tristan und Isolde” begleiteten und alle Zeitungen seit einigen Wochen füllen. Was soll man aber dazu sagen, daß Wagner Briefe des Königs vorweist, worin er mit “Du” angeredet und in den überschwenglichsten Ausdrücken gelobt wird? Daß die Musiker während der Krankheit Seiner Majestät an des Königs Bett zitiert wurden, während die dringendsten Staatsgeschäfte liegenblieben und kein Minister eine Audienz erlangen konnte?

Meldung von Graf von Blome, österreichischer Gesandter in München, Ende Mai 19865