Kraftprobe mit dem Staatsrat – Der Fall Richard Wagner 1865

Wagner muss München verlassen

Die Situation wurde so verfahren, dass der Ministerrat am Morgen des 6. Dezember 1865 den König vor die Wahl stellte und geschlossen mit dem Rücktritt drohte. Sogar seine Mutter und andere Familienmitglieder forderte die Entfernung Wagners. Ludwig musste sich entscheiden zwischen seinem Volk oder dem geliebten Künstler. Ludwig II. gab dem Drängen nach. Noch am Nachmittag gab er dem Oberappellationsrat Johannes Lutz den Auftrag, sich abends zu Wagner zu begeben, um ihn zum Verlassen der Stadt aufzufordern. Die Nachricht traf Wagner hart. In seiner Wut erging er sich in argen Beschimpfungen über von der Pfordten. Das nützte freilich nichts. Wagner sollte für eine gewisse Zeit die Stadt verlassen, bat der König. Am 10. Dezember 1865 verlässt er bleichen Gesichtes das Land in Richtung Schweiz: Fallengelassen von den Bayern, aber nicht von König Ludwig II.

Mein teurer Freund!

So leid es mir ist, muß ich Sie doch ersuchen, meinem Wunsche Folge zu leisten, den ich Ihnen gestern durch meinen Sekretär aussprechen ließ. Glauben Sie mir, ich mußte so handeln. Meine Liebe zu Ihnen währt ewig; auch ich bitte Sie, bewahren Sie mir immer Ihre Freundschaft; mit gutem Gewissen darf ich sagen, ich bin Ihrer würdig. Getrennt, wer darf uns scheiden?

Ich weiß es, Sie fühlen mit mir, können vollkommen meinen tiefen Schmerz ermessen; ich konnte nicht anders, seien Sie davon überzeugt; zweifeln Sie nie an der Treue Ihres besten Freundes. Es ist ja nicht für immer.

Bis in den Tod
Ihr treuer Ludwig

Ludwig II. an Wagner, 6. Dezember 1865