Ludwig II. rettet Richard Wagner aus bitterer Not

Als am 3. September 1864 Hofrat Franz Seraph von Pfistermeister, einem Detektiv gleich, Richard Wagner in Stuttgart aufspürte, war der Komponist auf der Flucht – bettelarm, hochverschuldet, heruntergekommen und mit Selbstmord-Gedanken hatte er scheinbar auch schon gespielt. Es war ein Tag der Erlösung. Und sein Erlöser sollte Ludwig II. von Bayern sein.

Ludwig II. war schon früh mit dem Werk von Richard Wagner in Berührung gekommen. Er liebte alles, was von Wagner kam, abgöttisch. Und den Komponisten vergötterte er natürlich auch. Seinen Sekretär Pfistermeister schickte er daher auf die Suche, denn Ludwig wollte den Schöpfer der von ihm vergötterten Werke endlich persönlich kennen lernen und ihn in seine Dienste stellen. Pfistermeister begann seine Suche in Wien, die ihn über Mariafeld am Züricher See schließlich nach Stuttgart führte. Für Wagner war dies das Wunder, was er auf der Durchreise durch München am 25. März 1864 insgeheim ersehnte, als er ein Bild des jungen Königs entdeckte.

Baron Moy und ich, wir gingen im Park eben spazieren, als Ihr Telegramm mir nachgebracht wurde; wie entsetzt mich sein Inhalt – Mein Entschluß ist schnell gefaßt: reisen Sie möglichst rasch R. Wagner nach, wenn es irgend ohne Aufsehen geschehen kann. – Ich hoffe, es wird möglich sein; mir liegt Alles daran, diesen meinen längst gehegten Wunsch bald erfüllt zu sehen!

Telegramm Ludwigs II. an Pfistermeier nach Wien, 17. April 2014

Auf seiner Flucht von Wien, wo Wagner die Schuldenhaft drohte, reiste er an diesem Tag durch die Residenz München. Ludwig war erst seit wenigen Tagen Herrscher über Bayern. Die Stadt stand noch in Trauer um den verstorbenen König Maximilian II. Wagner hielt diesen Tag in seiner Biografie fest: “Ein Volk in Trauer wogte auf den Plätzen, aus den Kirchen. In einem Seitengäßchen unweit der Brienner Straße erblickte ich am Fenster eines Bilderladens zum ersten Mal das Bild des jugendlichen Nachfolgers des soeben geschiedenen Monarchen. Mich fesselte die unsägliche Anmut dieser unbegreiflich seelenvollen Züge. Ich seufzte. ‘Wäre er nicht König, den möchtest Du wohl kennenlernen’, sagte ich mir. ‘Nun ist er König, er kann von Dir nichts erfahren!’ Schweigend und einsam wanderte ich weiter.”

Pfistermeister bat Wagner, nach München zu kommen. König Ludwig II. hatte sich für seine Kunst entschieden. Von nun an sollte Wagner “jede Unbill des Schicksals fern bleiben”. Im Auftrag überreichte der Hofrat ein Porträt und einen Ring mit rotem Edelstein als Geschenke. Wagner war fassungslos. Ludwig übermittelte er: “Theurer König! Diese Thränen himmlischster Rührung sende ich Ihnen, um Ihnen zu sagen, daß nur die Wunder der Poesie wie eine göttliche Wirklichkeit in mein armes, liebenswürdiges Leben getreten sind! Und dieses Leben, sein letztes dichten und Tönen gehört nun Ihnen, mein gnadenreicher junger König: verfügen Sie darüber als über Ihr Eigenthum! Im höchsten Entzücken, treu und wahr Ihr Unterthan Richard Wagner.”

König Ludwig II. sorgte sich fortan um seinen Komponisten. Er beglich seine Schulden, sorgte für angemessene Unterkünfte, förderte seine Kunst und unterstützte ihn bei seinem “Theater der Zukunft”. Wagner nutzte diese Förderung schmalos aus, was ihn die Bayern arg verübeln sollten. Und freilich sollte diese Freundschaft auch ihre Komplikationen mit sich bringen. Komplikationen, die bis zur Staatsaffaire heranreifen.

Und dieses Leben, sein letztes Dichten und Tönen gehört nun Ihnen, mein gnadenreicher junger König: verfügen Sie darüber als über Ihr Eigenthum!

Richard Wagner an König Ludwig II.