Die Schlossanlage von Neuschwanstein

Neuschwanstein von Südenosten – Bild: © Jeff Wilcox / wikimedia.org
Neuschwanstein von Südenosten – Bild: © Jeff Wilcox / wikimedia.org

Schloss Neuschwanstein ließ König Ludwig II. im romanischen Stil erbauen. In die Schablonen des mittelalterlichen Stils sollten aber die neuen Ideen eingepasst werden. Geprägt wird die Architektur vom romantischen Eklektizismus des 19. Jahrhunderts. Das Schloss wird dabei zu einem kaum von anderen übertroffenes Hauptwerk des Historismus seiner Zeit.

Der Vorgängerbau, die Ruinen der Vorder- und der Hinterschwangau, waren ganz zu Verteidigungszwecken errichtet worden – mit dicken Mauern und kleinen Fensteröffnungen, hinter denen man sich gut verschanzen konnte. Doch die Burg von Ludwig II. wurde allein zu Wohnzwecken erbaut. Sie „soll innen und außen eine Augenlust sein,“ bemerkte die Biografin von Ludwig II. Luise von Kobell. Fenster wurden so weitaus großzügiger gestaltet, um das Licht voll in das Schloss einströmen zu lassen. Und im Inneren wurde die Burg ganz anders genutzt als zu wehrhaften Zwecken. Beim Betrachten der Türme, Firsten und Zinnen entfaltet sich ganz die mittelalterliche Poesie, in der das Schloss ersonnen wurde.

 

Die Schlossanlage im Detail

Die Anlage des Schlosses besteht aus Torbau, Ritterbau, der Kemenate und dem Palas sowie aus Verbindungsbauten, dem Viereckturm und verschiedenen Treppentürmen. Die Gebäude begrenzen den oberen und den unteren Burghof. Die Schlossanlage ist ein Gesamtkunstwerk, das mit Symmetrie und Asymmetrie bis zur Vollendung spielt.

Torbau

Ein Künstlerauge hat die Schönheit dieses Erdenflecks erkannt, und die Hand desselben Künstlers, der ein König war, auf den kahlen Gipfel zwischen Gebirg und Ebene der Baukunst einen hehren Tempel gesetzt.

Adolph Graf von Westarp über Neuschwanstein

Der Torbau im Osten der Schlossanlage war das erste in Neuschwanstein fertig gestellt Gebäude. 1873 wurde der Bau vollendet. Er beherbergte zunächst Räume für die Bauaufsicht und während der Bauzeit auch eine Wohnung für König Ludwig II. Später wurden die Räume für die gehobene Dienerschaft als Unterkunft verwendet.

Die äußerliche Fassade des Torbaus steigt in Treppengiebeln aus roten Ziegeln empor. Die Außenfassade bietet so einen farbigen Kontrast zu den sonst hellgrauen und gelblichen Steinbauten der Anlage. Die Fassade zum unteren Hof wurde in gelbem Kalkstein ausgeführt. Seitlich bieten zwei Treppentürme den Zugang zu den Räumen des Torbaus. Die Fenster des Torbaus wurden zumeist einfach ausgeführt. Die Fensterreihe im „Kavalierszimmer“ versah man mit farbigen Fenstern samt reicher Symbolik. Der Schwan hat bereits hier eine zentrale Rolle. Der Tordurchgang, den das königliche Wappen ziert, führt in den unteren Hof.

Unterer Hof

Der untere Hof wird östlich durch das Torgebäude begrenzt. Gegenüber befindet sich einen gemauerte Böschung mit einer Ausbuchtung für die nicht mehr realisierte Kapelle. Nördlich begrenzen die Sockel des Verbindungsbaus und des Viereckturms den Hof. Nach Süden zu ist der Hof offen und gibt den Blick in die umliegenden Berge frei. Hier befindet sich auch einen Freitreppe in den oberen Hof.

Oberer Hof

Auch der weite obere Hof wird – nördlich – durch den hohen Viereckturm begrenzt. Diesem schließt sich der dreigeschossige Ritterbau an. Westlich wird der Hof durch den bestimmenden Palas begrenzt. Im Süden des Hofes befindet sich die erst 1892 fertig gestellte Kemenate. Auch der obere Hof ist südlich offenen und bietet den Blick in die Alpen. In das Pflaster des Hofes an der östlichen Seite ist der Grundriss der nicht mehr realisierten Kapelle eingelassen worden.

Viereckturm

Der Viereckturm ist eines der markantesten Bauwerke der Schlossanlage. Er ist etwa 45 Meter hoch und verjüngt sich konisch nach oben. Hier bietet eine Aussichtsplattform rundum den Blick in die Landschaft und den Hof.

Ritterbau

Der Ritterbau wurde in drei Geschossen ausgeführt. Hielten sich früher in einem Ritterhaus die Männer auf, waren unter Ludwig II. hier Dienst- und Wirtschaftsräume vorgesehen. Eine Einrichtung der Räume ist jedoch nicht mehr erfolgt. Die Fassade des Ritterbaus wird durch die rundbogigen Fensterreihen bestimmt. Eine mit Arkaden gestaltete Galerie verbindet den Ritterbau mit dem Viereckturm.

Neuschwanstein von Westen - Fassade mit Söller über das 3. und 4. Obergeschoss, Foto: Liebesleid / wikimedia.org
Neuschwanstein von Westen – Fassade mit Söller über das 3. und 4. Obergeschoss, Foto: Liebesleid / wikimedia.org

Palas

Der fünfgeschossige Palas beherbergt die königliche Wohnung und die prunkvollen Säle (Thronsaal und Sängersaal) im 3. und 4. Obergeschoss. Die darunterliegenden Geschosse wurden nur spärlich ausgestattet, während andere Räume noch gar kein Nutzungskonzept besaßen. Auch der maurische Saal wurde nicht mehr weiter ausgebaut und ausgestattet.

Der Baukörper des Palas wird durch zwei miteinander verbundene Quader bestimmt. Zwei Treppentürme bieten den Aufgang zu den Räumen. Der nördliche Treppenturm erreicht eine Höhe von 65 Metern und überragt das Gebäude deutlich. Die Aufgänge waren sowohl für die Dienerschaft als auch für den König gleichermaßen. Auf der Westseite erstreckt sich über zwei Stockwerke (3.und 4.) ein Söller, von dem man einen herrlichen Blick auf den Alpsee hat. Im Süden sind der Wintergarten und der zweite, etwas niedrigere Treppenturm angebaut.

An der Ostseite zum Hof hinaus hat Wilhelm Hauschild die Fresken von der Patronae Bavaria und dem heiligen Georg gemalt. Der Giebel der Ostseite trägt einen Löwen. Der Giebel der Westseite wird von einer Ritterplastik gekrönt.

Die Kemenate

Das Gegenstück zum Ritterhaus ist die Kemenate als die Herberge für die Frauen. Sie bildet den südlichen Abschluss der Schlossanlage im oberen Hof. Zur Zeit der Todes von Ludwig II. war die Kemenate noch gar nicht errichtet worden. Die Kemenate wurde bis 1892 vereinfacht bebaut, die Innenräume aber nicht weiter ausgestattet.

Nach dem allerhöchsten Willen Seiner Majestät des Königs soll das neue Schloß im romanischen Stil gebaut werden. Da wir nun gegenwärtig 1871 schreiben, so sind wir über jene Zeitperiode, welche den romanischen Stil entstehen ließ, um Jahrhunderte hinausgerückt, und es kann doch wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die inzwischen gemachten Errungenschaften im Gebiet der Kunst und Wissenschaften uns auch bei dem unternommenen Bau zugute kommen müssen.

Hofrat Lorenz von Düfflipp im Auftrag von König Ludwig II. an den Maler Michael Welter, 21. November 1871