Entscheidende Planungsphase: Neuschwanstein als Manifest ungebrochenen Königtums

König Ludwig II. von Bayern – der Monarch
König Ludwig II. von Bayern – der Monarch

Für die Gestaltung seiner neuen Burg bestellte König Ludwig II. unzähliges Material. Er begnügte sich nicht nur mit den Zeichnungen und Entwürfen von Jank und Riedel. Die Vorlagen sollten sein Vorstellungsvermögen erweitern. So beschaffte man auch Vorlagen aus dem alten Nürnberg, dem Handlungsort der Meistersinger, ließ architektonische Musterbücher anfertigen und motivische Vorbilder sammeln. Und immer wieder wollte Ludwig auch neue Vollendungsbilder seines Schlosses sehen, wozu er auch Künstler wie Peter Herwegen, Heinrich von Pechmann und Friedrich Pecht beauftragte.

Die Wartburg wird verbindliches Vorbild

Im Mai 1868 wurde die Wartburg als verbindliches Vorbild erneut ins Spiel gebracht. Ludwig schickte Riedel und Jank auf eine Studienreise dorthin, damit sie Zeichnungen von Außen- und Innenansichten anfertigten. Vom Maler Michael Welter aus Köln bestellte er eine Vorlagenmappe. Welter hatte einen Teil der Wandmalereien in der Wartburg geschafffen. Auch Anton Seder lieferte Zeichnungen von der Wartburg. Nach seiner Studienreise fertigte Riedel neue Entwürfe an, in denen die Anlage von Neuschwanstein in der entgültigen Dimension entworfen wurde.

Die Burg wurde als eine langgestreckte Höhenburg nach dem Vorbild der Wartburg entworfen und eine tiefer gelegene Hofanlage hinzugefügt. Das Gebiet der neuen Burg erstreckte sich nun auch über die Ruine der Hinterhohenschwangau hinaus. Der neue Entwurf unterstrich Ludwigs gewachsene Ansprüche während der Planungszeit. Die Burg sollte jetzt zu einem Manifest eines ungebrochenen Königtums erstehen. Deshalb sollte ihre Architektur deutlich mehr Repräsentationscharakter annehmen. Strukturen barocker Schlossarchitektur wurden in den Plänen eingeführt.

Bauvorbereitung und Grundsteinlegung

In Vorbereitung der Bauarbeiten ließ Ludwig II. das Felsplateau durch Sprengungen um etwa acht Meter absenken, um den Platz für das neue Schloss zu schaffen. Die Idee vom Wiederaufbau der mittelalterlichen Burg war damit entgültig passé. Zugleich wurden die Ausbauarbeiten an der Straße vorgenommen, dem einzigen Zufahrtsweg nach Neuschwanstein. Auch Wasserleitungen wurden verlegt. Riedel und Jank sollten bis Dezember 1868 das Neubauprojekt vorbereiten und dem König zur Genehmigung vorlegen. Die letzte Planungen konzentrierten sich auf die Gestaltung der Einzelbaukörper und deren Anordnung. Den oberen Hof entwarf man in Anlehnung an Lohnengrin im zweiten Aufzug, der im Burghof zu Antwerpen spielt. Stilistisch hatte sich der König letztendlich für den romanischen Stil entschieden, der von Rundbögen geprägt ist und sakrale Elemente enthält. Am 5. September 1869 wurde der Grundstein gelegt zu einem der phantastischen Schloßbauprojekte europäischer Baugeschichte. Ludwigs Ansprüche während des Baus und sine Ausgaben sollten sich noch ins Unermessliche steigern.

Ich habe die Absicht, die alte Burgruine Hohenschwangau bei der Pöllatschlucht neu aufbauen zu lassen im echten Styl der alten deutschen Ritterburgen, und muss Ihnen gestehen, dass ich mich sehr darauf freue, dort einst (in 3 Jahren) zu hausen; mehrere Gastzimmer, von wo man eine herrliche Aussicht genießt auf den hehren Säuling, die Gebirge Tirols und weithin in die Ebene, sollen wohnlich und anheimelnd dort eingerichtet werden; Sie kennen Ihn, den angebeteten Gast, den ich dort beherbergen möchte; der Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind, heilig und unnahbar, ein würdiger Tempel für den göttlichen Freund, durch den einzig Heil und wahrer Segen der Welt erblühte. Auch Reminiszenzen aus ‘Tannhäuser’ (Sängersaal mit Aussicht auf die Burg im Hintergrunde), aus ‘Lohengrin’ (Burghof, offener Gang, Weg zur Kapelle) werden Sie dort finden; in jeder Beziehung schöner und wohnlicher wird diese Burg werden als das untere Hohenschwangau, das jährlich durch die Prosa meiner Mutter entweiht wird; sie werden sich rächen, die entweihten Götter, und oben weilen bei Uns auf steiler Höh, umweht von Himmelsluft.

Ludwig II. an Richard Wagner, Mai 1868