Sängersaal

1938
Sängersaal auf Schloss Neuschwanstein, kolorierte Fotografie von Joseph Albert, 1886
Sängersaal auf Schloss Neuschwanstein, kolorierte Fotografie von Joseph Albert, 1886

Der Sängersaal ist ein Kernbauwerk von Schloss Neuschwanstein, dessen Rohbau 1880 vollendet wurde. 27 Metern lang und etwa 10 Meter breit ist er der größte Raum des Schlosses. Wesentliche Elemente des Sängersaals sind der Tribüneneingang, die Sängerlaube, Ostwand mit Fensterreihe, die Tribünenwand mit Balkons über der Galerie und eine reich kassettierte Decke. Das Bildprogramm dieses Festsaals befasst sich mit Motiven aus Lohengrin und dem Parzival-Epos. Für Feste am Hof war der Saal kaum vorgesehen. Zu Lebzeiten von König Ludwig II. von Bayern hat der Saal nie eine Aufführung erlebt. Erst anlässlich des 50. Todestages von Richard Wagner erlebte der Sängersaal ein Konzert.

Der Sängersaal befindet sich im vierten Stockwerk im östlichen Trakt des Palas. Die Wohnung des Königs liegt direkt darunter. Wagners “Tannhäuser” steht für die maßgebliche Bauidee des Festsaals. Die Realisierung des Saals entfernt sich aber von Wagners Oper. Vorbild ist der Sängersaal der Wartburg in Eisenbach. Jank hatte die ersten Vollendungsentwürfe geliefert. Da Jank andere Aufgaben zugedacht waren und Ludwig II. unzufrieden über die Farben war, die ihm nicht lebhaft genug erschienen, wurde Georg Dehn mit den Entwürfen zum Sängersaal beauftragt. Dehn erweiterte das Bildprogramm um Elemente der Parsival-Sage. Die Pläne des Neuschwansteiner Sängersaals zeichnete 1883 Julius Hofmann.

Tribüneneingang

Der Tribüneneingang führt entlang des Festsaals und endet in einem Erker. Durch Rundbögen öffnen sich Durchblicke in den Festsaal. Sieben Kronleuchter hängen von der Decke herab. Die Decke ist kassettiert, in rot und gold gehalten und enthält Ornamente mit Spruchbändern und den Namen von Minnesängern. Säulen stützen die Rundbögen, deren Basen und Kapitäle reich skulpiert sind. Jeder Rundbogen enthält zwei Darstellungen mit symbolischen, auf Parzival basierenden Motiven. Die Gemälde im Tribünengang befassen sich als Abrundung zur Darstellung des Parzivals im Sängersaal mit Motiven zu von ritterliche Tugenden. Sie sind Teil des Parzivals-Epos und stellen gefahrvollen Bewährungsproben für den Artusritter Gawan dar. Der Eingang zum Festsaal wird von einem Löwen und einem Hirsch verziert.

Sängerlaube

Der Hintergrund der Sängerlaube wird von einer Urwaldlandschaft mit der Edda, der mächtigen Weltsche, bestimmt. Im Vordergrund sind verschiedene Waldtiere im Grün zu finden: Eichhörnchen, Hirsch und ein Specht. An den Seiten der Laube sind Ornamente, Pflanzen und sagenhafte Tiergestalten zu finden. Hinzu kommen Bilder der Minnesänger Wolfram von Eschenbach, Walter von der Vogelweide, Bitterolf, Reinmar von Zweter, Heinrich von Ofterdingen und Klingsor.

Decke

Die Decke des Sängersaals ist reich kassettiert. Sie folgt den Linien der Dachkonstruktion. Dem Saal wird so eine enorme Höhe verliehen. Durch die holzgetäfelten Felder der Decke erhält der Raum einen wunderbaren Raumklang. Die Felder werden von farbigen und goldenen Ornamenten und von Darstellungen aus dem Tierkreis geziert. Von der Decke hängen kunstvolle und gewaltige Kronleuchter.

Längswände

Die Längswänden, darunter die Tribünenwand, wird von Kandelabern geziert. Die Galerie oberhalb der Tribünenwand bregrenzen Säulenballustraden. Durch Fenster an der Ostwand dringt das Licht durch Glasgemälde ein. Durch eine Glastür kann man auf dem Balkon mit Blick auf Hof und Torgebäude gelangen.

Bildprogramm des Tribünengangs

  1. Parzival begegnet Kahenis auf dessen Wallfahrt.
  2. Gamuret zieht in die belagerte Mohrenstadt Patelamunt ein.
  3. Gamuret besiegt die Feinde Belakanens.
  4. Im Turnier gewinnt Gamuret Hand und Krone der Herzeleide.
  5. Die Hochzeit Gawans mit Orgelouse.
  6. Vom Baum des Königs Gramolfanz bricht Gawan einen Zweig.
  7. Gawan versöhnt Obie und Melianz.
  8. Einem verwundetetn Ritter rettet Gawan das Leben.
  9. Das Abenteuer Gawans auf Chatel-Merveill.

Bildprogramm des Sängersaals

Das Bildprogramm befasst sich mit Motiven aus dem Parzival-Epos, in dem Gralslegende und Lohengrin-Sage vereint sind. 15 Darstellungen von August Spieß stellen wichtige Ereignisse des Helden Parzival dar. Sie wurden 1883/1884 geschaffen. Die Vorgeschichte um seinen Vater Gamuret ist nicht enthalten. Der Bildzyklus beginnt auf der Fensterseite mit dem Jugendleben Parzivals. Den Bildern schließen sich Medaillons mit Bildnissen hervorragender Gestalten aus dem Eschenbach-Epos an. Der Bildzyklus im Einzelnen:

  1. Auf der Jagd begegnet Parzival zum ersten Mal einem Ritter.
  2. In Pazival erwacht der Tatendrang. Er verabschiedet sich von seiner Mutter Herzeleide, die ihm ein lächerliches Gewand und ein klappriges Pferd gibt.
  3. Parzival kommt an den Hof von Artus, wo er den roten Ritter im Kampf besiegt.
  4. Der Königin Condwiramur eilt Parzival siegreich zur Hilfe und wird ihr Gemahl.
  5. An einem See begegnet Parzival dem leidenden Amfortas.
  6. In der Gralsburg wird Parzival gastlich aufgenommen. Amfortas kann er nicht von seinem Leid befreien.
  7. Parzival wird nach dem Mahl von Jungfrauen in ein Schlafgemach begleitet.
  8. Parzival träumt von schweren Kämpfen und drohenden Gefahren.
  9. Er verlässt die Gralsburg und wird von einem Knappen verhöhnt.
  10. Kundrie, die Gralsbotin, verflucht Parzival, weil er die Amfortas erlösende Frage nicht gestellt hatte.
  11. Von Einsiedler Trevreszent, dem Bruder von Amfrotas, wird Parzival über die heilende Kräfte des Grals belehrt.
  12. Nach einem heißen Kampf erkennt Parzival seinen Halbbruder Feirefiz.
  13. An Artus’ Tafelrunde zurückgekehrt, spricht ihn Kundrie vom Flucht frei und beruft ihn zum Gralskönig.
  14. In der Gralsburg sitzt Parzival, der mit seiner Familie wieder vereint ist, an der Festtafel auf dem Thron.
  15. Lohengrin wird zur Verteidigung von Elsa von Brabant abgesendet. Auf der Gralsburg wird der Schwanenritter verabschiedet.

An der Ostwand wird der Bilderzyklus durch die Darstellung des Gralswunders bekrönt.

 

Eine Vorhalle führt uns in den Sängersaal. Aber nicht sofort stehen wir mitten darin. Ein langer Gang, links der Ebene zugewendet, rechts durch Säulenbogen zu dem eigentlichen Festsaale sich öffnend, ist halb zu durchschreiten. Dann erst durchschauen wir mit einem Blicke die märchenhafte Pracht, die sich uns auftut. Ja, märchenhaft dünkt uns die Glut der Farben, die hier in vollen, heißen Flammen ineinander wogen. Farbenflut und Farbenfülle und dennoch in der Fülle eine süße bestickende Harmonie, die mit unendlichem Wohlgefühl die Sinne umschmeichelt. Wohin das Auge schweift – die Säulen und Säulchen, die Gewebe, das Holzwerk an Türen, Fenstern, Erkern, Galerie und Decke, die Bilder an den Wänden, das blitzende Messing, die Edelsteine und Kristalle der Kerzenständer und Lichterkronen – farbenprangend alles, leuchtend, funkelnd und alles klar, edel, einfach, groß – wahrlich, es ist einer der schönsten Säle der Erde.

Eines fällt uns gleich auf: die unverkennbare Ähnlichkeit mit dem hochberühmten Vorbilde, dem Wartburgsaal, nur dass letzterer, sagen-, sang- und dichtungsverklärt, in der äußeren Ausstattung bescheiden gegen das jüngere Werk zurücktreten muss. An die Wartburg erinnert der Gang, der an der nördlichen Längswand hinführend ein Einbau in den Saal selbst ist und die Säulengalerie trägt; an die Wartburg auch die prachtvolle Kassettendecke, welche dachartig ansteigt, dann vor dem Zusammentreffen beider Hälften waagerecht abplattet, sich stolz und hoch über Haupt- und Nebenräume hinspannt.

Zu diesen gehört auch die Sängerbühne, an der westlichen Schmalseite, eine erhöhte Säulelaube, die den Blick tief in idyllische Waldeinsamkeit versinken lässt. Da krönt mit weitschattender Krone Ygdrasill, die Weltesche, umrauscht vom sprundelnden Quell, und am knorrigen Stamm huscht neugierig das Eichhörnchen hin. – Wundervolle Bilder zieren rings des Saales Wände. [...] Parzival, dem Hüter des heiligen Grals, gehört der Sängersaal, und sicher haben Gahmuret und Herzeleide, Amfortas und Gawan, Kundrie und Klingsor nirdends eine würddigere Umrahmung erhalten.

Über den Gemälden, der Galeriewand entgegen, sind auf Konsolen, zum Deckensims hinanreichend, seltsame Figuren angebracht. Keine ist der anderen gleich. Da stehen in langer Reihe Ritter, Bischöfe, Wappentiere, Säulen, Köpfe und Fratzen, Umgetüme und allegorische Zeichen, alle kunstvoll aus Holz geschnitzt, bunt und reich bemalt. Und glänzender noch als Mauerstein und Holzwerk von Künstlerhand geschmückt sind, erglühen an den zu dreien geeinigten Fensterbogen die schweren Falten der Vorhänge, auf den Sitzbänken an der Wand die Kissen und Lehnen. Sie sind aus einem golddurchwirkten Seidenstoff in grün und purpur, himmelbau und rosenrot, in dem das Auge mit Entzücken schwelgt.

Arthur Graf von Westarp, 1887

Bilder aus dem Sängersaal – Historische Aufnahmen (etwa 1900)