Thronsaal

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Thronsaal auf Schloss Neuschwanstein, kolorierte Fotografie von Joseph Albert, 1886
Thronsaal auf Schloss Neuschwanstein, kolorierte Fotografie von Joseph Albert, 1886

Der sakral anmutende Thronsaal, ein Sinnbild für die geweihte Halle in der Gralsburg aus dem Parzival-Epos, befindet sich im westlichen Trakt des Palas. Er erstreckt sich, 13 Meter hoch, über das dritte und vierte Obergeschoss. 20 Meter lang und 12 Meter breit ist es der größte Saal Neuschwansteins. Vorbild des Saals ist die Allerheiligen-Hofkirche in München. Julius Hofmann zeichnet sich für den Entwurf verantwortlich, den er 1881 vorlegt. Der Saal mit einem quadratischen Raumeindruck wird an drei Stellungen von Arkaden umgeben. In der erhöhten Apsis, zu der Marmorstufen hinaufführen, sollte den Thron des Königs aus Gold und Elfenbein aufgenommen werden. Die Wandmalereien von Hauschild zeigen Engel, Apostel, Heilige und Ereignisse aus dem Leben frommer Könige. Das erst nach dem Tode Ludwig II. fertiggestellt Mosaik des Fussbodens zeigt Tier- und Pfanzengestalten.

Apsis

Die Apsis ist auf neun Marmorstufen zu erreichen. An den Seiten säumen zu beiden Seiten Apostel den Weg hinauf zum Thron. Das Halbrund dahinter zeigt ein ikonografisches Programm. Sechs heilige Könige sind hier zu finden (weitere Gemälde im Saal zeigen Szenen aus deren Leben), darüber Christus mit Mutter Maria zur Linken und Johannes dem Täufer zur Rechten. Einzig der Thron des Saals fehlt. Er wurde nach dem Tod des Königs nie angefertigt.

Bildprogramm des Thronsaals

  1. Christus, der König der Könige (Thronnische).
  2. Der heilige Georg kämpft mit dem Drachen.
  3. Der heilige Michael im Kampf mit Luzifer.
  4. Die heiligen drei Könige.
  5. Manu, Hermes, Solon, Zoroaster und Augustus – Gesetzgeber vorchristlicher Zeit.
  6. Der heilige Ludwig gibt den Armen Nahrung und Kleidung.
  7. Die heiligen Casimir beim Gebe.
  8. Clotilde von Frankreich unterweist ihren Gemahl.
  9. Elisabeth von Thüringen pflegt Kranke.
  10. Der heilige Stephan bekehrt die Ungarn.
  11. Der heilige Heinrich baut Kirchen und Klöster.
  12. Der heilige Eduard schützt die Untertanen.
  13. Der heilige Ferdinand kämpft gegen ungläubige Mauren.

 

Den quadratischen Hauptteil überwölbt eine Kuppel, von der aus blauem Himmelsgrunde die goldene Sonne und unzählige Sterne niederblicken. Ein über die ganze Saalbreite sich spannender Gurtbogen trennt von diesem Kuppelbau eine halbrunde Apsis, auf deren erhöhten Boden neun weiße Marmorstufen hinaufführen. Je eine mit den Langwänden parallel laufende, gegen die Saalmitte gestellte Säulenreihe mildert in glücklichster Weise die riesenhaften Größenverhältnisse des Raumes und teilt ihn, einer Kirche gleich, in Mittelschiff und zwei Abseiten. Und damit haben wir das Wort ausgesprochen, das beim ersten Anblick uns auf den Lippen schwebte: Das ist eher ein Kircheninneres, ein Bethaus, als eines Königs Saal.

Dieser Eindruck befestigt sich bei längerem Verweilen und genauerem Schauen mehr und mehr. Wir glauben uns in eine byzantische Basilika versetzt. Die erhöhte Apsis ist noch leer, der geplante Thron aus Gold und Elfenbein nicht fertig geworden. Die Marmorstufen könnten ebenso gut zum Hochaltar emporsteigen. Ihn würde der auf Goldgrund gemalte Christus als Herrscher aller Herrscher würdig krönen. Sechs heilig gesprochene Könige, die zwölf Apostel und die Medaillons darüber allegorische Darstellungen des heiligen Geistes. [...] Die sechszehn Säulen aus braunrotem Porphyr mit vergoldeten Kapitälen tragen eine Galerie, deren Öffnung nach dem Saale wiederum von Säulen durchbrochen wird, die aus einer herrlich lapisblauen Masse bestehend und gerade über die unteren gestellt, einen zauberhaften Farbenglanz entfalten.

An den goldschimmernden Wänden sehen wir überall Engel, Heilige, Gesetzgeber aller Völker und Zeiten, sowie Begebenheiten aus dem Leben frommer Könige. Der ganze Fussboden, eine ungeheure Fläche, besteht aus Steinmosaik, welche auf grauem Grunde Tier- und Pflanzengestalten zwischen byzantinischen Arabesken zeigt. So umfasst der Thronsaal in seinem bildnerischen Schmuck gleichsam das gesamte Universum, den Himmel oben in der Kuppelwölbung, zu Füßen die zeugende Erde, beide miteinander verknüpft durch den Hinweis darauf, dass ihr vergänglichen Wesen aufgehen soll in die Unvergänglichkeit des Reiches Gottes.

Arthur Graf von Westarp, 1887

Bilder aus dem Thronsaal – Historische Aufnahmen (etwa 1900)